Film

Die Folgen in China



Die Veränderungen in China betreffen alle Lebensbereiche und sind kaum noch zu übersehen: Taxifahrer in chinesischen Großstädten haben mehr und mehr Mühe, in den sich täglich wandelnden Stadtbildern nicht die Orientierung zu verlieren. Ein Transformationswandel ohnegleichen vollzieht sich, der von jenen Chinesen, die sich den Umschwung leisten können, dankbar angenommen wird - koste es, was es wolle. Denn während die Preise steigen und die Mehrheit der ca. 1,3 Milliarden Chinesen immer ärmer wird, scheint die Kauflust des wachsenden Mittelstands exorbitant um sich zu greifen. Endlich will man sich ein Leben leisten, das anderswo auf dem Globus längst alltäglich ist: Reisen, aufwendige Hochzeitsfeiern, Markenartikeln aus dem Westen und eine gute Schulausbildung für das Kind - all das kostet und ist unentbehrlich, will man zur gewinnenden Boomgesellschaft dazugehören.
Mit den ökonomischen Errungenschaften ist auch der Optimismus in China angekommen. Mehr als 75 Prozent der Chinesen sind gegenwärtig davon überzeugt, dass sich ihre persönliche Situation verbessern wird. Das ist das Ergebnis einer weltweiten Umfrage in 17 ausgewählten Ländern, bei der keine Industrienation auf mehr als 48 Prozent (USA) kam. China als Weltmeister der Zuversicht - so die Bilanz des Pew Research Center in Washington D.C. Verdrängt scheint die Vergangenheit, in der sich Chinesen im Ausland aus Scham oft als Japaner ausgaben. Umso mehr ist man heute mit Stolz erfüllt, zum aufstrebenden chinesischen Volk zu gehören.

Ein Film, der nicht in erster Linie Informationen transportiert, sondern von den Emotionen der Menschen und ihren Geschichten handelt. Von ihrem Glück, von ihren Ängsten, vom Verlust der Arbeit und damit ihrer Identität, von Zukunftsvisionen, Wünschen und Hoffnungen.
Vergessen ist ebenso der Kapitalismus als "kolonialistisches Ausbeutungssystem". Stattdessen gewinnen immer mehr Chinesen der Marktwirtschaft etwas ab, verspricht sie doch Wohlstand, wie man ihn aus Deutschland, dem Mutterland von Mercedes, kennt und ihn die Chinesen schätzen - wenngleich sie sich über die Lebens- und Arbeitsgewohnheiten der Deutschen wundern: Weshalb ein deutscher Ingenieur nur 1.650 Stunden im Jahr arbeitet, ist ihnen schleierhaft, schließlich liegt in China die gesetzliche Arbeitszeit bei 2.500 Stunden. Oder weshalb sich die Deutschen so sehr für Umweltschutz interessieren und ihre Zeit vergeuden, indem sie beispielsweise im Garten Unkraut jäten oder selbst für die Familie kochen, kann man auf chinesischer Seite nur schwerlich verstehen. Dafür gibt es Experten, die die Arbeit schneller und besser verrichten und einem helfen, die Zeit effektiv und gewinnbringend zu nutzen. Denn: Zeit wird im "Reich der Mitte" zunehmend knapp. Die Tradition etwa, sich spontan mit Freunden zu treffen und über das Leben zu philosophieren, wird unter Chinesen nur noch selten kultiviert. Solche Pausen zählen in Peking oder Shanghai inzwischen gar zum Luxus.

Derartige Gedankenspiele und Vergleiche mit dem Ausland sind freilich nur einer Minderheit in China vorbehalten. Die auf dem Land lebende Mehrheit, die noch immer über 60 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, erlebt hingegen bittere Zeiten. Bauern und Arbeiter, denen aus Büchern von Konfuzius und Mao gelehrt worden war, dass alle Chinesen gleich sind, drohen unter der gegenwärtigen Entwicklung völlig in Vergessenheit zu geraten. Sie wollen nicht verstehen, warum manche Leute plötzlich mehr Geld verdienen, während sich ihre Lage kaum verändert oder sogar drastisch verschlechtert. So wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, die die Wut auf die neuen Wohlhabenden und die Regierung kontinuierlich schürt.

Die Angst vor sozialen Unruhen nimmt zu, von denen die Aufsehen erregenden Aufstände in der südchinesischen Provinz Guangdong im Dezember 2005 erste Vorboten waren. Damals wurde um Land gekämpft, das die Bauern von Guangdong an die staatlichen Behörden und deren Immobilienmakler verloren haben, während zugleich überall in China wichtiges Ackerland den verheerenden Auswirkungen der Umweltverschmutzung zum Opfer fällt. Verseuchte Flüsse, Erosion und Verwüstung machen mittlerweile die Lebensgrundlage Landwirtschaft vielerorts unmöglich.
Auch das Leben in der Stadt ist davon betroffen. Dichter Smog liegt schon heute über jeder mittelgroßen Stadt und gefährdet die Gesundheit der Menschen. Der Blick in die Zukunft lässt noch Schlimmeres ahnen: Im Jahr 2010, so die Prognosen der chinesischen Akademie für Umweltplanung, wird in Chinas Metropolen die Luftverpestung die Hauptursache für einen früheren Tod von Hunderttausenden sein.
Laut Weltbank kosten die Umweltschäden China gegenwärtig fünf Prozent seines Bruttoinlandsproduktes. Eine Rechnung, die den Nationalen Volkskongress im März 2006 endgültig zu dem Beschluss zwang, wirtschaftliches Wachstum nicht mehr um jeden Preis zu erzielen. So wurde festgelegt, den Energieverbrauch innerhalb von vier Jahren um 20 Prozent zu verringern, während der Wasserverbrauch um 30 Prozent und der Schadstoffausstoß um 10 Prozent fallen soll. Diese Vorgaben scheinen jedoch kaum erfüllbar, angesichts der geringen Mittel, die der staatlichen Umweltbehörde SEPA zugesprochen wurden. Ein Vergleich verdeutlicht dies: Während Baden-Württembergs Ministerium für Umwelt und Verkehr über ein jährliches Budget von zwei Milliarden Euro verfügt, arbeitet man bei SEPA mit einem Haushaltsplan von lediglich 30 Millionen Euro. Ein Großteil der insgesamt 68 Millionen Euro Entwicklungshilfe aus Deutschland für China (Stand 2005) wandert dabei zusätzlich in Umweltschutzprogramme. Die Frage ist aber, wie lange noch? Spätestens seit Angela Merkels erstem China-Besuch ist in Deutschland die Debatte entbrannt, wie man dem "Riesen aus Fernost" fortan begegnen will: China als unterstützungswürdiges Entwicklungsland oder als zu fürchtendes Hochtechnologieland? Darüber ist man hierzulande unterschiedlichster Meinung - mehr denn je.